Dorfdisko


Köln-Hauptbahnhof, 3:00 Uhr morgens. Aprilwetter
André & ich stehen am Bahnsteig. Wir haben seit 24 Stunden nicht geschlafen. Wir grinsen uns an… Endlich geht es los!

Wohin? Ans Ende der Welt! – Warum? Nun, dazu muss ich weiter ausholen…

 

… angefangen hat es mit Denis, der zu diesem Zeitpunkt aber noch “der Neue” war. Und mit “dem Neuen” stand ich, eine Tasse Kaffe in der Hand, in einem Besprechungsraum und hielt den typischen Beschnupper-Smalltalk:

“der Neue”: Und was machst du so?
Ich: Angeln.
“der Neue”: Ach, angeln?
Ich: Ja. Angeln.
“der Neue”: So richtig mit Fisch und so?
Ich: *seufz*
“der Neue”: Auch mal so im Ausland?
Ich: Bisher nur in Holland, evtl mal nach Schweden, wenn wir alt und bequem geworden sind.
der Neue”: Also mein Vater ist vor 20 Jahren nach Indonesien ausgewandert und ich kenne dort einen Einheimischen, der Touristen für ein Urlaubsressort in den Dschungel und auf Vulkane führt. Wenn  du Interesse hast mal in Indonesien zu angeln, dann sag einfach Bescheid.
Ich: BESCHEEEIIIID!!!!!!!



Mehr als ein: “Hast du Bock auf ein Abenteuer in Indonesien?” hatte es nicht bedurft um André mit ins Boot zu holen.
Und so saßen wir einige Stunden später zusammen am Tisch und löcherten Denis und seinen Vater, welcher gerade auf Heimaturlaub war. Nach dem gemeinsamen Mittagessen hatten wir folgende Ausgangssituation:

  • Egi, die Kurzform von Reginald, spricht Englisch
  • sein eigentlicher Job ist es, für ein Urlaubsressort Touristen im Rahmen von Tagestouren auf einen Vulkan zu wuchten
  • nebenbei kann Egi alles organisieren was vorstellbar ist
  • in Indonesien zu angeln konnte er sich jedoch nicht vorstellen
  • verdammt

Es gibt dort keinen echten Angeltourismus und die paar Anbieter die es gibt, bieten lediglich Big Game Touren auf Thunfisch für 1000 $ pro Tag an. Unsere Vorstellungen davon, in Indonesien zu angeln, waren für Ihn gelinde gesagt ungewöhnlich. Denn unser Wunsch war es, auf einsamen Flüssen im dichten Dschungel Borneos Süßwasserräuber zu jagen. Black Bass, Snakeheads, Raubwelse und andere Vertreter der Spezies “Will-ich-nicht-im-Dunkeln-begegnen”. Und das Ganze mit der Chance einen Tiger oder Orang-Uthan zu Gesicht zu bekommen…
Nur konnten wir das Egi sehr schlecht näherbringen. Dass Touristen bereit sind im Dschungel zu übernachten, von Reis und Bohnen zu leben und den Urwald als Toilette zu benutzen war gänzlich ausserhalb seiner Vorstellungskraft. Also haben wir ihm dieses Video geschickt und ihm gesagt, dass wir “Sowas in der Art” gerne machen würden:

Dann war einige Tage Funkstille. WhatsApp und Skype blieben stumm. Egi war nicht erreichbar. Und wir waren schon bereit uns von der Abenteueridee zu trennen und in Norwegen auf Lachs oder Hecht zu angeln. Doch dann tauchte Egi buchstäblisch aus dem Dschungel wieder auf. Und hatte gute und schlechte Nachrichten für uns.
Die Flüsse auf Borneo und Sumatra waren durch die Quecksilbereinleitungen illergaler Goldschürfer stark belastet, die Fischgründe weitestgehend vernichtet. Und da die Goldschürfer schnell ihren Standort wechseln hatten wir keine Garantie, dass ein Fluss der heute noch unberührt ist in der daraufvolgenden Woche keine tote Brühe sein wird.
Aber Indonesien ist groß und Egi hatte, auf Basis des Videos, die Insel Halmahera als Alternative aufgetan. Papuan Black Bass (Lutjanus goldiei), ein wirklich großer Snapper, wäre dort unser Zielfisch.
Dieser soll, laut spärlicher Quellen, bemerkenswert stark sein für einen Fisch seiner Größe und dafür bekannt, Köder und Ruten zu zerbrechen,  Rollengetriebe zu schreddern und Angler gedemütigt zurück zu lassen. Und selbst Jeremy Wade hatte schon eine seiner kitschigen  Folgen über diesen Fisch (Flussmonster S09 E03 “Volcanic Island Terror”) gedreht… Jackpot!

 

Köln-Hauptbahnhof, 3:00 Uhr morgens. Aprilwetter
André & ich stehen am Bahnsteig. Wir haben seit 24 Stunden nicht geschlafen. Wir grinsen uns an… Endlich geht es los!
So ganz fassen können wir es aber immer noch nicht. Vor 8 Wochen haben wir die Flüge gebucht. Wir haben uns die wichtigsten Impfungen besorgt, einige Tausend Dollar und die erste Millionen indonesischer Rupien organisiert und unsere Reisepässe erneuert.
Während der letzten Nacht musste Andrea zwei Männer ertragen die vor lauter Aufregung nicht schlafen konnten und stattdessen, Angelvideos und Dosenbier konsumierend, das Wohnzimmer belagerten. Vielleicht blieben deswegen Ihre Augen trocken, als sie uns am Bahnhof verabschiedete und wir in den Zug nach Amsterdam stiegen.

Der erste Flug startete vom Airport Amsterdam-Schiphol , gegen den der angeblich größte Flughafen Europas, Frankfurt/Main, aussieht wie eine Dorfdisko!

Ein letztes Foto in Europa für den Vorher-Nachher-Vergleich

 

Mit Garuda Indonesia, der einzigen indonesischen Fluggesellschaft die international fliegen darf, ging es auf die erste 13stündige Etappe nach Jakarta.

© OpenStreetMap-Mitwirkende

Der Flug war für Kunden der Lufthansa & Töchter eine erfreuliche Abwechslung und kann selbst Economy nur als hervorragend bezeichnet werden. Ausgeschlafen und sattgefüttert verließen wir in Jakarta unser Flugzeug und … wow!

Gegen den Jakarta International Airport sieht Amsterdam aus wie eine Dorfdisko!

© OpenStreetMap-Mitwirkende

Aufgrund der schieren Größe des Flughafens (wobei “groß” in Anbetracht dieses Giganten ein sehr kleines Wort ist) schrumpfte unser 90-minütiger Aufenthalt auf ein hektisches “Wohin-als-nächstes” zusammen. Bis dato kannte ich nur Flughafen mit eigenen Autobahnauffahrten, hier waren wir aber auf einem der größten Airports Asiens, und der hat seine eigene Autobahn.
Unsere nächste Station war Ternate. Das Abflugterminal dorthin war etwa 2 Postleitzahlenbereiche vom Hauptterminal entfernt. Zu erreichen mit einem S-Bahn-Äquivalent oder dem Taxi. Dort standen wir auch nicht mehr in klimatisierten Hallen, sondern, quasi als Vorgeschmack,  zwischen Mitreisenden mit Hühnerkäfigen, bei 35°C und 100% Luftfeuchtigkeit.
Unser Anschlussflug fand mit Lion Air statt, einer Fluggesellschaft die allein in den letzten 10 Jahren 8 Flugzeuge verloren hat und den letzten Platz des Safty Rankings belegt… Yay!

Konsequenter Weise war am Sitz der Vordermanns auch keine Sicherheitsvorschriften zu finden, sondern ein Flyer mit den wichtigsten christlichen und islamischen Gebeten in englisch, arabisch und indonesisch. 3 ruckelige Stunden später war es dann soweit: wir setzten unseren Fuß auf den Boden von Ternate.


Willkommen in der Dorfdisko…

 

 

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