Der Fisch der 1000 Würfe

Beinahe hätte ich hier Forrest Gump zitiert. Irgendwas mit Pralinenschachtel und nicht wissen was man bekommt.
Ist aber überflüssig beim Anblick der 53 cm Meerforelle, welche sich am Samstag an meinen 3er Mepps gewagt hat.

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Keine 1000 Würfe hat es gedauert. Nicht einmal 10.

Schon seit Tagen beißen an dieser Stelle, die wir in den letzten Jahren schlicht übersehen haben, die Fische auf kleine Spinner.
Mit dieser Überraschung habe ich jedoch zu keiner Sekunde gerechnet, auch nicht während des kämpferischen Drills den Salmo trutta trutta lieferte.

Um so größer dann die Augen und das Grinsen

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Störfaktor

Neues Jahr, neue Stelle, alte Erwartungen. Wer den Rhein kennt weiß, dass er mehr nimmt als gibt.

Jeder Angler kennt den Phantomschmerz, wenn er an seinen letzten großen Fang zurück denkt. Den Drill, die Furcht vor dem Abriss und dann: der erste Sichtkontakt!
Man weiß, der Fisch ist groß, man erkennt was es ist und die Freude steigt.
Doch was, wenn der Fisch springt und man erblickt eine spitz zulaufende Schnautze?! Jeder weiß sofort was es ist aber man glaubt es nicht. Das kann nicht sein! Nicht im Rhein! Nicht heute, wenn kein Fisch beißt! Nicht bei mir. Niemals!
Und dann ist der Fang im Kescher. Es ist keiner der üblichen Verdächtigen.

Es ist ein verdammt geiler Stör!

So etwas Unfassbares kennt man nur aus Anglergeschichten, doch niemand würde glauben, dass es einem selber passiert. Erst recht nicht mir. Mir! Der Schönwetteranglerin, die angelt um des angelns Willen und nicht um immer kapitalere Fänge zu landen.Der Traumfang, 85cm Stör.

Der Traumfang, 85cm Stör.

Doch ein weiteres mal gilt: Wer fängt, hat Recht!
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Da geht no öbbes am Mee

„Nur weil wir es schon immer so gemacht haben, heißt das nicht,
dass es nicht unglaublich dämlich ist!“

Diese Definition von Tradition dürfte einigen in den Sinn kommen, wenn André und ich unser traditionelles Weihnachtsangeln begehen.
Mit Zelt und Outdoor-Gasheizung bewaffnet ging es diesmal in Andrés unterfränkische Heimat in der Nähe von Miltenberg.
Beangeln wollten wir den „Mee“, also den Main, wie er hochdeutsch genannt wird.  Anfangs war ich skeptisch, da Andrés Hotspot-Versprechen in der Vergangenheit, nun sagen wir, Luft nach oben hatten.

Vor der Kür stand erst einmal die Pflicht: Angelscheine besorgen, Köderkauf, Stelle finden. Besonders der Kauf der Wochenkarte lieferte tiefe Einblicke in die unterfränkische Seele.

 

Hubert führt dort den wohl kleinsten Angelladen den ich bisher gesehen habe. Mit Gottvertrauen in seine Mitmenschen steht der Kühlschrank mit Lebendködern neben einer Betonmischmaschine im Hof vor seinem Laden. Eine Preisliste und die freundliche Bitte das Geld doch in den Briefkasten darüber zu werfen lassen ahnen, dass die Uhren hier etwas anders ticken.
Da wir Hubert nicht finden konnten half uns die Telefonnummer am Eingang weiter. Zum Glück hatte ich André als Sprachmittler dabei. Hubert war zwar erreichbar aber gerade noch beim Arzt, wie er uns freizügig mitteilte. Eine Spritze habe er auch bekommen. Wir könnten also in Ruhe einkaufen, in einer halben Stunde wäre er da…

War er dann auch. Gewappnet mit allem Nötigen konnten wir also ans Wasser. Die ersten Würfe mit der Spinnrute brachten André schnell den ersten Döbel.
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Motiviert bauten wir schnell unser Lager auf.

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Irgendwo laufen jetzt gerade Leute durch die Stadt und kaufen Weihnachtsgeschenke

Die Nacht war traditionell lausig. Regnerisch und stürmisch und vor allem: ohne Fisch!
Dafür entschädigte der kommende Vormittag mit tollen Wetter und gierigen Döbeln.

 

Theo! Wir fahrn‘ nach Porz

     Wer geht mit mir angeln?

     Ich bin 11 Jahre alt und suche jemanden der mit mir angeln geht.
     Ich habe den Jugendfischereischein und suche eine Begleitpersohn.

     Einfach melden per email oder whattsapp

 

Ja Leute, was würdet ihr denn machen wenn ihr am Nikolaustag diese Anzeige bei den Kleinanzeigen entdeckt?

Wer fängt, hat Recht hat jetzt  also einen Gastangler. Theo ist 11 Jahre alt und unglaublich motiviert . Da er mit dem Jugendfischereischein immer eine Begleitperson braucht, aber leider niemanden kennt, haben wir die Nachwuchsförderung mal in bzw. an die Hand genommen.

Hat auch super funktioniert, oder was sagt ihr zu dieser 71er Barbe?

 

 

Streetfishing Augsburg

Ein Sprichwort sagt: „Hätt’ ich Venedigs Macht und Augsburger Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G’schütz und Ulmer Geld, so wär’ ich der Reichste in der Welt.“

Oder wie Andrea, als Augsburger Insiderin im Exil, nicht müde wird zu betonen:

„München ist toll! Wenn man in Augsburg wohnt.“

Ich war mal wieder beruflich in Augsburg und habe die Zeit genutzt um meine Köder auch einmal in bayrisches Wasser zu tauchen.
Das Ergebnis möchte ich Euch nicht vorenthalten. Mit dem anschließenden Cityguide sollte auch ein Kurzaufenthalt im schwäbischen Regierungssitz für krumme Ruten sorgen.

Augsburger Meinung
Der Meinung sind wir auch

Beangelbare Gewässer sind in Augsburg in Hülle und Fülle vorhanden.
Augsburg liegt an den Flüssen Lech, Wertach und Singold. Zusätzlich wird es von jeder Menge Kanäle und Bäche durchzogen, was mich als Kurzbesucher vor die Qual der Wahl stellte. Luxusproblem.
Weitergeholfen hat der Angelspezi in Augsburg. Werner, der Inhaber, vertreibt dort ein sehr umfangreiches Sortiment, zugeschnitten auf jede denkbare Süßwasserangelmethode. Darüber hinaus bekommt ihr dort auch die Tageskarten für rund 80 (!) Gewässer.
Nach eingehender Beratung, bei der Werner sich sogar die Zeit nahm,  mir die Gewässer bei Google Maps zu zeigen und mich auf besondere Spots hinzuweisen, viel meine Wahl dann auf die Lechkanäle[pdf], speziell auf den Proviantbach.

Lieber Werner, vielen Dank!

Das Gewässer

Der Proviantbach entsteht, zusammen mit dem Hanreibach, aus der Gabelung des Herrenbachs im Augsburger Textilviertel.
Von den ca. 10 km Fließstrecke, die mit der Gastkarte beangelbar sind, entfallen rund 4,5 km auf den Proviantbach. Der erhielt seinen Namen irgendwann zur fuggerschen Zeit, als der Kanal genutzt wurde um Handelsgüter auf Flößen zum Proviantamt zu befördern.
Der Proviantbach ist bis zu 6 m breit und streckenweise etwa 2 m tief. Er verläuft parallel zum Lech und der Berliner Allee. Unterbrochen wird er mehrfach von Staustufen. Diese wirken sich teilweise erheblich auf Wasserstand und Strömungsgeschwindig aus.
Etwa 1 km vor dem Wasserkraftwerk auf der Wolfzahnau vereinigen sich die Gewässer wieder und münden dann, nach der Verstromung, wieder in den Lech.
Lechkanal
Das Wasser der Lechkanäle ist kalt und klar. Wer eine Polbrille sein Eigen nennt, kann einen guten Blick auf den 2 m tiefen Gewässergrund werfen.
Die innerstädtischen Kanäle sind begradigt, was zu einer immensen Fließgeschwindigkeit führt. Im Fall des Proviantbaches bedeutet das, man sollte auf einen festen Stand  achten, bevor man einen Kescher ins Wasser hält. Das Baden ist dort zwar erlaubt, aber man muss ja nicht unbedingt in vollem Equipment und einer schwungvollen Pirouette die übrigen Passanten amüsieren.

Besagte Passanten sind natürlich nicht umsonst vor Ort. Denn bei aller Versuchung den Blick starr auf den Kanal zu richten, lohnt dennoch ein Blick in die Umgebung. Augsburg ist eine wunderschöne Stadt und unsere Angelstrecke führt uns direkt durch die malerische Geschichte der Fuggerstadt :
Vom Textilviertel in dem die Weber und Färber seit den 1700er Jahren ihr Tagewerk verrichteten, vorbei an den beeindruckenden Bauwerken des Alten Schlachthofs, wie die ehemalige Großviehmarkthalle, bis in die Wolfzahnau, ein Landschaftsschutzgebiet im Norden von Augsburg.

Eine Kamera ist also nicht nur für Fangfotos zu empfehlen.

Die Hotspots

Begradigte Gewässer haben fast immer das gleiche Problem: einen eklatanten Mangel an Struktur. Die Lechkanäle bilden da keine Ausnahme.
Der Proviantbach fließt reißend über kiesigen Grund, eingeschlossen zwischen spiegelglatten Betonwänden.
Der Vorteil daran ist, dass man die Hot Spots schon aus 100 m Entfernung erkennt.
In der Regel sind das die zahlreichen Brücken und Stauwehre.

Immer wieder säumen auch Büsche und große Linden das Wasser. Diese hängen zum Teil so weit über das Wasser, dass sie große Schatten werfen.
Das Baden in den Kanälen ist expliziet erlaubt. Für die Badenden sind etwa alle 30 Meter massive Stahlleitern an den Betonwänden angebracht. Hier verwirbelt sich das schnell fließende Wasser, und in diesen Wirbeln konnte ich mehr als einen Salmoniden beobachten.

Die Köder und Methoden

Normalerweise gebe ich wenig auf die Tackle-Einkaufslisten der gesponserten Kollegen. Da wir aber nicht gesponsert werden und das Augsburger Gewässer doch recht spezielle Anforderungen stellt, möchte ich hier kurz einige Empfehlungen geben.
Sollte sich jemand zu einem Streetfishingtrip in Augsburg aufmachen werden ihm die folgenden Tips vielleicht meinen Frust ersparen.

  • eine straffe Rute von ca. 2,70 m Länge – in der starken Strömung ist ein kräftiges Rückgrat unabdingbar. Mit einer kürzeren Rute wird es an vielen Stellen schwierig die Köder in flachem Winkel zu führen. Erhöht man den Winkel werden die Köder durch den starken Wasserdruck schnell zur Oberfläche getrieben.
  • eine Polbrille – bei dem klaren Wasser steht nur die Spiegelung des schnellen Wassers einem Blick auf den Gewässergrund im Weg. Auf diesen Vorteil zu verzichten wäre pure Sünde.
  • einen Wobbler wie den SPRO Ikiru Shad 70SL SP im Design „Wakasagi“ – mit den Ködern habe ich lange gehadert. Beim Namen Proviantbach bin ich von einem kleineren und ruhigeren Gewässertyp ausgegangen.
    Somit waren meine Köder fast alle zu leicht. Einige wenige Ausnahmen hatte ich zwar dabei, die waren allerdings so groß, dass ich nicht davon ausgehen konnte einen Bewohner des Kanals damit zum Landgang zu bewegen.

Mit dem Ikaru Shad hatte ich jedoch endlich den passenden Köder für das Gewässer gefunden. Das Wasser floß schnell genug um den Köder auch ohne Rutenaktion in Bewegung zu halten.
So konnte ich den Wobbler langsam unter jede Brücke treiben lassen. Die Bisse kamen dabei am häufigsten auf der flussabwärtigen Seite der Brücke an der Schattenkante.

 

Die Fänge

Wuuuuhuuuuuuu! Leute! Sowas habe ich noch nicht erlebt!
Ich habe nach 15 Forellen aufgehört zu zählen, zum Schluss dürften es etwa 25 – 30 Fische gewesen sein.
Diese Situation wird dem ein oder anderen vielleicht schon vom Forellenpuff bekannt sein, aber Kollegen und Koleginnen ich sage euch: Kein Vergleich!

Ich habe noch nie so kampfstarke Fische erlebt. Jede 40er Forelle lieferte einen Kampf über mehrere Minuten. Die 50er Forellen bogen meine Rute soweit durch, dass ich anfing an der Reißfestigkeit meiner 0,15er Geflechtschnur zu zweifeln.
Dann biss eine Forelle von 65 cm. Jetzt war ich nicht mehr sicher ob ich Jäger oder Gajagter war.
Bayern ist bekannt für seine Salmonidengewässer. Der Lech bildet da offensichtlich keine Ausnahme. Bis auf 2 Barben konnte ich keine weiteren Fischarten ausmachen.
Die Forellen waren jedoch zahlreich, kapital und unglaublich kampfstark. Das Verhältnis von Regenbogen- zu Bachforellen war etwa 4:1 .

Das die Forellen ohne große Scheu auf einen 7 cm Wobbler am Stahlvorfach gebissen haben hat mich überrascht. Ich bin wahrscheinlich nicht der Einzige, der beim Forellenangeln zuerst an Powerbait und Spirolinomontagen und Tremarellaruten denkt. Nach dieser Erfahrung werde ich meine Einstellung zu Forellen noch einmal überdenken müssen.
Bemerkenswert ist, dass trotz harter Attacken auf den Hardbait, die Fische ausnahmslos am letzten Drilling gehakt waren. Sollte es also jemand mit einem Gummifisch versuchen wollen, ist neben einem schweren Jigkopf auch ein Stinger zu empfehlen.

Meine Wanderung war ein wirklich einmaliges Erlebnis. Ich kann nur jedem dringend empfehlen sich diese Stadt und die gesamte Region auf die Liste der möglichen Reiseziele zu setzen. Für mich steht jedenfalls fest, dass es nicht der letzte Besuch hier war. Und nächstes mal werde ich bestimmt nicht alleine kommen.

Angeltrip nach Weener – Wechselbäder

Nach der schmachvollen Episode mit dem Esox lucius machte ich mich erst mal daran unseren Angelplatz aufzubauen.  Dabei hatte ich Gelegenheit leise vor mich hin zu schimpfen, die ganze Welt und das Leben zu verfluchen und mir alle möglichen Gründe zusammenzuspinnen, warum das Debakel die Schuld von jemand anders sein musste.
Die Tatsache, das André seit 20 Minuten in seinem Angelstuhl lag und Tränen lachte trug nicht unbedingt zur Deeskalation bei.
Natürlich war nur einer Schuld an dieser verpassten Gelegenheit, und das war ich selbst.
Ich hatte in meiner Eile möglichst schnell ans Wasser zu kommen meinen Kecher am Auto stehen lassen. Diese Erkenntnis wollte mein verletztes Ego aber nur langsam akzeptieren.

Um so intensiver widmete ich mich fortan meinem eigentlichen Projekt. Zwischen Andrea und mir besteht nämlich ein kleines Abkommen. Wie das genau aussieht, das wird euch Andrea vielleicht verraten. Fragt sie doch einfach mal.
Kernstück dieses Deals ist jedenfalls der Fang eines Karpfens. Vielen passionierten Karpfenanglern wird die Problematik daran nicht ganz klar sein, mich stellte das Ganze aber schon seit über einem Jahr auf eine harte Geduldsprobe. Entweder war kein passendes Gewässer in der Nähe, oder die Ansitze waren zu kurz um verwertbare Ergebnisse zu liefern.
Kurzum: dieser Angelurlaub sollte es richten! Erfolgversprechende Stellen waren schnell identifiziert. Also nur noch anfüttern und warten, so verspricht es die einschlägige Literatur. FatalerWeise ist die Alphabetisierung der Karpfen noch nicht soweit fortgeschritten. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass es mit der Lesekompetenz von Karpfen noch schlechter bestellt ist als unter einigen Pygmäenstämmen im Brasilianischen Urwald.
Immer wieder konnte ich einige Rüssler über meinen favorisierten Futterplatz ziehen sehen, ohne dass sie sich intensiver mit dem reich gedeckten Gabentisch beschäftigt hätten.
Aber so ist das mit dem Fallen stellen. Man brauch Geduld. Und hey, in dieser Location kann man sich doch wirklich mal eine Runde warten. Egal auf was.

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Morgens um 6:00 riß mich dann der Bissanzeiger aus dem Schlaf. Kennt ihr den Moment, wenn alle Zweifel an Köder, Montage und Tackle beseitigt sind? Die Erkenntnis, dass es funktioniert und euer Plan bestätigt wird?

Ich nicht.

Meine Karpfenangelei würde ich als modern-minimalistisch beschreiben. Ohne Rod-Pod, Futterboote, Echolot etc. Nicht mal teure Ruten. Ich angle mit ca. 50 Jahre alten Ruten der Firma Shakespeare, aus der Ära kurz nach der Erfindung des Howald-Prozesses. Ich vertraue diesen Ruten absolut, ebenso meiner  Camou Karpfenschnur von Carp Expert.
Mit meinen Montagen sieht es teilweise etwas anders aus. Selbstgebundene Vorfächer haben ihre Tücken, vor allem wenn man mangels Erfahrung keine Vergleichswerte hat.
Passt die Köderpräsentation? Richtige Hakengröße? Liegt der Haken frei? Wie sieht es mit der Scheuchwirkung aus?
Diese Fragen stelle ich mir immer. Auch wenn die Montage schon ausgelegt ist.
Um so überraschter bin ich jedes Mal, wenn plötzlich doch einer anbeißt. So wie um 6:00 Uhr morgens an einem einsamen Sieltief im ostfriesischen Umland.

Von meinen drei Angelstellen hatte sich mein Objekt der Begierde natürlich diejenige ausgesucht, die direkt neben einem Gebüsch lag. Die Äste wuchsen dort nicht nur über sondern auch ins Wasser. Das Erste was meine schlaftrunkenen Augen an diesem Morgen wahrnahmen, war eine straff gespannte Schnur die direkt in dieses Gebüsch führte und sich dort verfing. Der Fisch war an diesem Morgen erst mal entkommen…

Genau so wie am Nächsten. Wieder pünktlich um 6:00 Uhr schnappte sich der Rüssler meinen Köder und zog ihn in das Unterwassergehölz.
Jeder Morgen begann für mich mit einem unangenehm frischen Bad in der torfroten Brühe, um meine Montage aus dem versunkenen Geäst zu befreien.
Es wurde damit quasi zu unserem Frühstücksritual, dass Andrea mich, während der Kaffee kochte, mit einer Flasche nicht weniger kalten Wassers vom Torf, Dreck und Schlamm befreite.

WP_20150811_06_29_29_censoredAndré, seineszeichens bestmöglicher Angelkumpan und Salz-in-Wunden-Streuer in Personalunion, ließ es sich nicht nehmen meine Schmach für die Nachwelt zu dokumentieren.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das Ganze ging spurlos an mir vorüber. Das 6:00 Uhr-Muster war mir natürlich aufgefallen. Dem Gesetz der Serie folgend blieben damit nur folgende Optionen: um 6:00 Uhr unseres Abreisetages würde ich entweder als Karpfenangler mein Frühstück zu mir nehmen, oder aber, und diese Möglichkeit verursachte mir langsam Bauchschmerzen, ich käme in zweifelhaften Genuss eines weiteren Torfbades samt Andreas Duschbehandlung. Danach stünde mir eine 3-stündige Autofahrt bevor, während der ich mir das Hirn zermartern und an der sinnhaftigkeit meines Hobbys zweifeln würde.
Je näher der Abend rückte um so Nervöser wurde ich. Würde das Wetter halten, respektive der Luftdruck? Würde der Karpfen wieder beißen oder bestand die Möglichkeit, dass er aus dem bisher erlittenen Schaden gelernt hatte? Den gleichen Köder also nochmal verwenden oder besser wechseln?
So durchlitt ich ein Wechselbad aus Verzweiflung und Zuversicht. Um nicht zu spät an der Rute anzukommen baute ich, während Andrea und André den Schlaf der Glückseeligen schliefen, Angelstuhl und Campingkocher direkt neben meinen Ruten auf. Gegen 3 Uhr strich ich jedoch die Segel, ich war hundemüde, die Augen fielen mir zu und mein Rücken tat weh. Also legte ich mich zu Andrea ins Zelt, in den offenen Schlafsack. Das Zelt ließ ich offen und alles notwendige lag griffbereit neben mir. Den Wecker hatte ich vorsorglich auf 5:40 Uhr gestellt.
Als dieser mich aus dem Schlaf zurück in die Realität holte wagte ich es nicht mich zu rühren. Der Kaffeekonsum der Nacht machte sich deutlich bemerkbar, aber bei dem Gedanken ich könnte den Karpfen knappe 3 m vom Ufer entfernt aufschrecken wurde ich schreckensstarr.
Ich lag also dort und lauschte. 6:00 … 6:10… 6:15… 6:25… um 6:45 Uhr ließ ich alle Hoffnung fahren, dreht mich um schlief augenblicklich ein.
Um 7:00 Uhr war er dann da. Ohne warnendes kurzes Piepen am Bissanzeiger. Direkt kreischender Alarm. Full run. Auf dem Weg aus dem Zelt verhedderte ich mich in meinem Schlafsack. Bis ich aus dem Zelt herauspurzelte war ich schon 2 mal gestürzt und auch die letzten 2 m zur Rute kroch ich in Raupenmanier. Das Ganze kam mir wie eine Ewigkeit vor. Um so überraschter war ich, als ich beim Anschlag tatsächlich Aktion am Ende der Leine spürte.
Da ich am Vorabend meine Bremsen wesentlich straffer eingestellt und die Ruten gesichert hatte, war der Karpfen in seinem Ausfall offensichtlich soweit gebremst worden, dass er seine Flucht in ein Seerosenfeld direkt am Ufer umgelenkt hatte. Ich hatte also einen tobenden Karpfen in voller Panik direkt vor meinen Füßen, ohne die Chance ihn im Freiwasser auszudrillen bis er müde war.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich wurde wieder nass. Mit Kecher, dafür ohne Hose durch Brennesselfelder zu rennen erschien mir zu diesem Zeitpunkt als bessere Alternative als den Fisch zu verlieren. Bereut habe ich die Entscheidung auch später nicht.

Ich denke meinem fassungslosen Gesichtsausdruck kann man entnehmen, dass es noch eine Weile dauerte bis ich realisiert hatte welches Ende unser Angelausflug genommen hat.
Mein Freund der Karpfen schwimmt natürlich wieder. Das wohlige Erfolgsgefühl und die weichen Knie hielten noch den gesamte Vormittag an. Und langsam aber sicher reifte in mir das Verständnis, warum es Karpfenangler so exklusiv auf diese Spezies abgesehen haben.