Angeltrip nach Weener – Wechselbäder

Nach der schmachvollen Episode mit dem Esox lucius machte ich mich erst mal daran unseren Angelplatz aufzubauen.  Dabei hatte ich Gelegenheit leise vor mich hin zu schimpfen, die ganze Welt und das Leben zu verfluchen und mir alle möglichen Gründe zusammenzuspinnen, warum das Debakel die Schuld von jemand anders sein musste.
Die Tatsache, das André seit 20 Minuten in seinem Angelstuhl lag und Tränen lachte trug nicht unbedingt zur Deeskalation bei.
Natürlich war nur einer Schuld an dieser verpassten Gelegenheit, und das war ich selbst.
Ich hatte in meiner Eile möglichst schnell ans Wasser zu kommen meinen Kecher am Auto stehen lassen. Diese Erkenntnis wollte mein verletztes Ego aber nur langsam akzeptieren.

Um so intensiver widmete ich mich fortan meinem eigentlichen Projekt. Zwischen Andrea und mir besteht nämlich ein kleines Abkommen. Wie das genau aussieht, das wird euch Andrea vielleicht verraten. Fragt sie doch einfach mal.
Kernstück dieses Deals ist jedenfalls der Fang eines Karpfens. Vielen passionierten Karpfenanglern wird die Problematik daran nicht ganz klar sein, mich stellte das Ganze aber schon seit über einem Jahr auf eine harte Geduldsprobe. Entweder war kein passendes Gewässer in der Nähe, oder die Ansitze waren zu kurz um verwertbare Ergebnisse zu liefern.
Kurzum: dieser Angelurlaub sollte es richten! Erfolgversprechende Stellen waren schnell identifiziert. Also nur noch anfüttern und warten, so verspricht es die einschlägige Literatur. FatalerWeise ist die Alphabetisierung der Karpfen noch nicht soweit fortgeschritten. Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass es mit der Lesekompetenz von Karpfen noch schlechter bestellt ist als unter einigen Pygmäenstämmen im Brasilianischen Urwald.
Immer wieder konnte ich einige Rüssler über meinen favorisierten Futterplatz ziehen sehen, ohne dass sie sich intensiver mit dem reich gedeckten Gabentisch beschäftigt hätten.
Aber so ist das mit dem Fallen stellen. Man brauch Geduld. Und hey, in dieser Location kann man sich doch wirklich mal eine Runde warten. Egal auf was.

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Morgens um 6:00 riß mich dann der Bissanzeiger aus dem Schlaf. Kennt ihr den Moment, wenn alle Zweifel an Köder, Montage und Tackle beseitigt sind? Die Erkenntnis, dass es funktioniert und euer Plan bestätigt wird?

Ich nicht.

Meine Karpfenangelei würde ich als modern-minimalistisch beschreiben. Ohne Rod-Pod, Futterboote, Echolot etc. Nicht mal teure Ruten. Ich angle mit ca. 50 Jahre alten Ruten der Firma Shakespeare, aus der Ära kurz nach der Erfindung des Howald-Prozesses. Ich vertraue diesen Ruten absolut, ebenso meiner  Camou Karpfenschnur von Carp Expert.
Mit meinen Montagen sieht es teilweise etwas anders aus. Selbstgebundene Vorfächer haben ihre Tücken, vor allem wenn man mangels Erfahrung keine Vergleichswerte hat.
Passt die Köderpräsentation? Richtige Hakengröße? Liegt der Haken frei? Wie sieht es mit der Scheuchwirkung aus?
Diese Fragen stelle ich mir immer. Auch wenn die Montage schon ausgelegt ist.
Um so überraschter bin ich jedes Mal, wenn plötzlich doch einer anbeißt. So wie um 6:00 Uhr morgens an einem einsamen Sieltief im ostfriesischen Umland.

Von meinen drei Angelstellen hatte sich mein Objekt der Begierde natürlich diejenige ausgesucht, die direkt neben einem Gebüsch lag. Die Äste wuchsen dort nicht nur über sondern auch ins Wasser. Das Erste was meine schlaftrunkenen Augen an diesem Morgen wahrnahmen, war eine straff gespannte Schnur die direkt in dieses Gebüsch führte und sich dort verfing. Der Fisch war an diesem Morgen erst mal entkommen…

Genau so wie am Nächsten. Wieder pünktlich um 6:00 Uhr schnappte sich der Rüssler meinen Köder und zog ihn in das Unterwassergehölz.
Jeder Morgen begann für mich mit einem unangenehm frischen Bad in der torfroten Brühe, um meine Montage aus dem versunkenen Geäst zu befreien.
Es wurde damit quasi zu unserem Frühstücksritual, dass Andrea mich, während der Kaffee kochte, mit einer Flasche nicht weniger kalten Wassers vom Torf, Dreck und Schlamm befreite.

WP_20150811_06_29_29_censoredAndré, seineszeichens bestmöglicher Angelkumpan und Salz-in-Wunden-Streuer in Personalunion, ließ es sich nicht nehmen meine Schmach für die Nachwelt zu dokumentieren.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das Ganze ging spurlos an mir vorüber. Das 6:00 Uhr-Muster war mir natürlich aufgefallen. Dem Gesetz der Serie folgend blieben damit nur folgende Optionen: um 6:00 Uhr unseres Abreisetages würde ich entweder als Karpfenangler mein Frühstück zu mir nehmen, oder aber, und diese Möglichkeit verursachte mir langsam Bauchschmerzen, ich käme in zweifelhaften Genuss eines weiteren Torfbades samt Andreas Duschbehandlung. Danach stünde mir eine 3-stündige Autofahrt bevor, während der ich mir das Hirn zermartern und an der sinnhaftigkeit meines Hobbys zweifeln würde.
Je näher der Abend rückte um so Nervöser wurde ich. Würde das Wetter halten, respektive der Luftdruck? Würde der Karpfen wieder beißen oder bestand die Möglichkeit, dass er aus dem bisher erlittenen Schaden gelernt hatte? Den gleichen Köder also nochmal verwenden oder besser wechseln?
So durchlitt ich ein Wechselbad aus Verzweiflung und Zuversicht. Um nicht zu spät an der Rute anzukommen baute ich, während Andrea und André den Schlaf der Glückseeligen schliefen, Angelstuhl und Campingkocher direkt neben meinen Ruten auf. Gegen 3 Uhr strich ich jedoch die Segel, ich war hundemüde, die Augen fielen mir zu und mein Rücken tat weh. Also legte ich mich zu Andrea ins Zelt, in den offenen Schlafsack. Das Zelt ließ ich offen und alles notwendige lag griffbereit neben mir. Den Wecker hatte ich vorsorglich auf 5:40 Uhr gestellt.
Als dieser mich aus dem Schlaf zurück in die Realität holte wagte ich es nicht mich zu rühren. Der Kaffeekonsum der Nacht machte sich deutlich bemerkbar, aber bei dem Gedanken ich könnte den Karpfen knappe 3 m vom Ufer entfernt aufschrecken wurde ich schreckensstarr.
Ich lag also dort und lauschte. 6:00 … 6:10… 6:15… 6:25… um 6:45 Uhr ließ ich alle Hoffnung fahren, dreht mich um schlief augenblicklich ein.
Um 7:00 Uhr war er dann da. Ohne warnendes kurzes Piepen am Bissanzeiger. Direkt kreischender Alarm. Full run. Auf dem Weg aus dem Zelt verhedderte ich mich in meinem Schlafsack. Bis ich aus dem Zelt herauspurzelte war ich schon 2 mal gestürzt und auch die letzten 2 m zur Rute kroch ich in Raupenmanier. Das Ganze kam mir wie eine Ewigkeit vor. Um so überraschter war ich, als ich beim Anschlag tatsächlich Aktion am Ende der Leine spürte.
Da ich am Vorabend meine Bremsen wesentlich straffer eingestellt und die Ruten gesichert hatte, war der Karpfen in seinem Ausfall offensichtlich soweit gebremst worden, dass er seine Flucht in ein Seerosenfeld direkt am Ufer umgelenkt hatte. Ich hatte also einen tobenden Karpfen in voller Panik direkt vor meinen Füßen, ohne die Chance ihn im Freiwasser auszudrillen bis er müde war.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich wurde wieder nass. Mit Kecher, dafür ohne Hose durch Brennesselfelder zu rennen erschien mir zu diesem Zeitpunkt als bessere Alternative als den Fisch zu verlieren. Bereut habe ich die Entscheidung auch später nicht.

Ich denke meinem fassungslosen Gesichtsausdruck kann man entnehmen, dass es noch eine Weile dauerte bis ich realisiert hatte welches Ende unser Angelausflug genommen hat.
Mein Freund der Karpfen schwimmt natürlich wieder. Das wohlige Erfolgsgefühl und die weichen Knie hielten noch den gesamte Vormittag an. Und langsam aber sicher reifte in mir das Verständnis, warum es Karpfenangler so exklusiv auf diese Spezies abgesehen haben.

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