Streetfishing Augsburg

Ein Sprichwort sagt: „Hätt’ ich Venedigs Macht und Augsburger Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G’schütz und Ulmer Geld, so wär’ ich der Reichste in der Welt.“

Oder wie Andrea, als Augsburger Insiderin im Exil, nicht müde wird zu betonen:

“München ist toll! Wenn man in Augsburg wohnt.”

Ich war mal wieder beruflich in Augsburg und habe die Zeit genutzt um meine Köder auch einmal in bayrisches Wasser zu tauchen.
Das Ergebnis möchte ich Euch nicht vorenthalten. Mit dem anschließenden Cityguide sollte auch ein Kurzaufenthalt im schwäbischen Regierungssitz für krumme Ruten sorgen.

Augsburger Meinung
Der Meinung sind wir auch

Beangelbare Gewässer sind in Augsburg in Hülle und Fülle vorhanden.
Augsburg liegt an den Flüssen Lech, Wertach und Singold. Zusätzlich wird es von jeder Menge Kanäle und Bäche durchzogen, was mich als Kurzbesucher vor die Qual der Wahl stellte. Luxusproblem.
Weitergeholfen hat der Angelspezi in Augsburg. Werner, der Inhaber, vertreibt dort ein sehr umfangreiches Sortiment, zugeschnitten auf jede denkbare Süßwasserangelmethode. Darüber hinaus bekommt ihr dort auch die Tageskarten für rund 80 (!) Gewässer.
Nach eingehender Beratung, bei der Werner sich sogar die Zeit nahm,  mir die Gewässer bei Google Maps zu zeigen und mich auf besondere Spots hinzuweisen, viel meine Wahl dann auf die Lechkanäle[pdf], speziell auf den Proviantbach.

Lieber Werner, vielen Dank!

Das Gewässer

Der Proviantbach entsteht, zusammen mit dem Hanreibach, aus der Gabelung des Herrenbachs im Augsburger Textilviertel.
Von den ca. 10 km Fließstrecke, die mit der Gastkarte beangelbar sind, entfallen rund 4,5 km auf den Proviantbach. Der erhielt seinen Namen irgendwann zur fuggerschen Zeit, als der Kanal genutzt wurde um Handelsgüter auf Flößen zum Proviantamt zu befördern.
Der Proviantbach ist bis zu 6 m breit und streckenweise etwa 2 m tief. Er verläuft parallel zum Lech und der Berliner Allee. Unterbrochen wird er mehrfach von Staustufen. Diese wirken sich teilweise erheblich auf Wasserstand und Strömungsgeschwindig aus.
Etwa 1 km vor dem Wasserkraftwerk auf der Wolfzahnau vereinigen sich die Gewässer wieder und münden dann, nach der Verstromung, wieder in den Lech.
Lechkanal
Das Wasser der Lechkanäle ist kalt und klar. Wer eine Polbrille sein Eigen nennt, kann einen guten Blick auf den 2 m tiefen Gewässergrund werfen.
Die innerstädtischen Kanäle sind begradigt, was zu einer immensen Fließgeschwindigkeit führt. Im Fall des Proviantbaches bedeutet das, man sollte auf einen festen Stand  achten, bevor man einen Kescher ins Wasser hält. Das Baden ist dort zwar erlaubt, aber man muss ja nicht unbedingt in vollem Equipment und einer schwungvollen Pirouette die übrigen Passanten amüsieren.

Besagte Passanten sind natürlich nicht umsonst vor Ort. Denn bei aller Versuchung den Blick starr auf den Kanal zu richten, lohnt dennoch ein Blick in die Umgebung. Augsburg ist eine wunderschöne Stadt und unsere Angelstrecke führt uns direkt durch die malerische Geschichte der Fuggerstadt :
Vom Textilviertel in dem die Weber und Färber seit den 1700er Jahren ihr Tagewerk verrichteten, vorbei an den beeindruckenden Bauwerken des Alten Schlachthofs, wie die ehemalige Großviehmarkthalle, bis in die Wolfzahnau, ein Landschaftsschutzgebiet im Norden von Augsburg.

Eine Kamera ist also nicht nur für Fangfotos zu empfehlen.

Die Hotspots

Begradigte Gewässer haben fast immer das gleiche Problem: einen eklatanten Mangel an Struktur. Die Lechkanäle bilden da keine Ausnahme.
Der Proviantbach fließt reißend über kiesigen Grund, eingeschlossen zwischen spiegelglatten Betonwänden.
Der Vorteil daran ist, dass man die Hot Spots schon aus 100 m Entfernung erkennt.
In der Regel sind das die zahlreichen Brücken und Stauwehre.

Immer wieder säumen auch Büsche und große Linden das Wasser. Diese hängen zum Teil so weit über das Wasser, dass sie große Schatten werfen.
Das Baden in den Kanälen ist expliziet erlaubt. Für die Badenden sind etwa alle 30 Meter massive Stahlleitern an den Betonwänden angebracht. Hier verwirbelt sich das schnell fließende Wasser, und in diesen Wirbeln konnte ich mehr als einen Salmoniden beobachten.

Die Köder und Methoden

Normalerweise gebe ich wenig auf die Tackle-Einkaufslisten der gesponserten Kollegen. Da wir aber nicht gesponsert werden und das Augsburger Gewässer doch recht spezielle Anforderungen stellt, möchte ich hier kurz einige Empfehlungen geben.
Sollte sich jemand zu einem Streetfishingtrip in Augsburg aufmachen werden ihm die folgenden Tips vielleicht meinen Frust ersparen.

  • eine straffe Rute von ca. 2,70 m Länge – in der starken Strömung ist ein kräftiges Rückgrat unabdingbar. Mit einer kürzeren Rute wird es an vielen Stellen schwierig die Köder in flachem Winkel zu führen. Erhöht man den Winkel werden die Köder durch den starken Wasserdruck schnell zur Oberfläche getrieben.
  • eine Polbrille – bei dem klaren Wasser steht nur die Spiegelung des schnellen Wassers einem Blick auf den Gewässergrund im Weg. Auf diesen Vorteil zu verzichten wäre pure Sünde.
  • einen Wobbler wie den SPRO Ikiru Shad 70SL SP im Design “Wakasagi” – mit den Ködern habe ich lange gehadert. Beim Namen Proviantbach bin ich von einem kleineren und ruhigeren Gewässertyp ausgegangen.
    Somit waren meine Köder fast alle zu leicht. Einige wenige Ausnahmen hatte ich zwar dabei, die waren allerdings so groß, dass ich nicht davon ausgehen konnte einen Bewohner des Kanals damit zum Landgang zu bewegen.

Mit dem Ikaru Shad hatte ich jedoch endlich den passenden Köder für das Gewässer gefunden. Das Wasser floß schnell genug um den Köder auch ohne Rutenaktion in Bewegung zu halten.
So konnte ich den Wobbler langsam unter jede Brücke treiben lassen. Die Bisse kamen dabei am häufigsten auf der flussabwärtigen Seite der Brücke an der Schattenkante.

 

Die Fänge

Wuuuuhuuuuuuu! Leute! Sowas habe ich noch nicht erlebt!
Ich habe nach 15 Forellen aufgehört zu zählen, zum Schluss dürften es etwa 25 – 30 Fische gewesen sein.
Diese Situation wird dem ein oder anderen vielleicht schon vom Forellenpuff bekannt sein, aber Kollegen und Koleginnen ich sage euch: Kein Vergleich!

Ich habe noch nie so kampfstarke Fische erlebt. Jede 40er Forelle lieferte einen Kampf über mehrere Minuten. Die 50er Forellen bogen meine Rute soweit durch, dass ich anfing an der Reißfestigkeit meiner 0,15er Geflechtschnur zu zweifeln.
Dann biss eine Forelle von 65 cm. Jetzt war ich nicht mehr sicher ob ich Jäger oder Gajagter war.
Bayern ist bekannt für seine Salmonidengewässer. Der Lech bildet da offensichtlich keine Ausnahme. Bis auf 2 Barben konnte ich keine weiteren Fischarten ausmachen.
Die Forellen waren jedoch zahlreich, kapital und unglaublich kampfstark. Das Verhältnis von Regenbogen- zu Bachforellen war etwa 4:1 .

Das die Forellen ohne große Scheu auf einen 7 cm Wobbler am Stahlvorfach gebissen haben hat mich überrascht. Ich bin wahrscheinlich nicht der Einzige, der beim Forellenangeln zuerst an Powerbait und Spirolinomontagen und Tremarellaruten denkt. Nach dieser Erfahrung werde ich meine Einstellung zu Forellen noch einmal überdenken müssen.
Bemerkenswert ist, dass trotz harter Attacken auf den Hardbait, die Fische ausnahmslos am letzten Drilling gehakt waren. Sollte es also jemand mit einem Gummifisch versuchen wollen, ist neben einem schweren Jigkopf auch ein Stinger zu empfehlen.

Meine Wanderung war ein wirklich einmaliges Erlebnis. Ich kann nur jedem dringend empfehlen sich diese Stadt und die gesamte Region auf die Liste der möglichen Reiseziele zu setzen. Für mich steht jedenfalls fest, dass es nicht der letzte Besuch hier war. Und nächstes mal werde ich bestimmt nicht alleine kommen.

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